Feuchtgebiete: EKEL revisited

von guffinmac

Ein lautes „Pfui!“ schreien nicht nur bürgerliche Kleingeister erneut angesichts der kürzlich im Kino angelaufenen Verfilmung. Andere diskreditieren den Stoff vorschnell als „überbewertet“ oder einfach „schlecht“ und kommen sich dabei ein bisschen weniger spießig vor. Warum FEUCHTGEBIETE keineswegs wertlos oder irrelevant ist, zeigt der Vergleich mit einem anderen Film, der weibliche Sexualität in Zusammenhang mit Ekel setzte: Denn Roman Polanskis einflussreicher Film EKEL hatte 1965 zwar dieselbe Grundthese, doch ein ganz anderes Ende. 

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Aber zunächst einmal Aufregung beiseite: Denn FEUCHTGEBIETE ist in erster Linie eine kleine Coming-of-Age Geschichte wie sie klassischer nicht sein könnte und in dieser Hinsicht gar nicht feministisch. Der Verkauf der Buchrechte an den unabhängigen Produzenten Peter Rommel (verantwortlich für die Filme von Andreas Dresen)  lässt vermuten, dass Charlotte Roche daran gelegen war, ihre Geschichte auch in diesem Rahmen zu belassen. Regisseur David Wnendt hat mit seinem Abschlussfilm von der HFF-Regieklasse, KRIEGERIN, bereits einen kleinen, feinen (preisgekrönten) Coming-of-Age Film mit einer weiblichen Heldin vorgelegt und wiederholt diese Übung nun. Bei allem Mediengetöse ist FEUCHTGEBIETE deshalb eigentlich ein kleiner, simpler Film mit vergleichsweise kleinem Budget und will auch nicht mehr sein.

Eine klassische Coming-of-Age-Geschichte ist FEUCHTGEBIETE, weil es um das Erwachsenwerden geht, Grenzen austesten, Sexualität entdecken, zu sich selbst finden. Helen versucht als Scheidungskind nicht nur, ihre Eltern wieder zusammen zu bringen. Sie rebelliert vor allem gegen ihre Mutter, eine Frau, deren Lebensaufgabe ein sauberes Klo ist. Deren wichtigster Ratschlag an die Tochter ist, immer ein blitzsauberes Höschen zu tragen – denn man weiß nie, wann man plötzlich einen Unfall haben und bewusstlos im Krankenhaus landen könnte – und was sollen denn die Leute von einer Frau denken, die kein sauberes Höschen anhat? Helen hingegen sucht nicht nur einen für sie passenden Umgang mit Sexualität, sondern testet im gleichen Atemzug auch die Grenzen der weiblichen Hygiene, die von der Mutter so groß geschrieben wurde. Und dass es da einen Zusammenhang gibt, ist offensichtlich: „Wenn man Schwänze, Sperma und andere Körperflüssigkeiten eklig findet, kann man es mit dem Sex auch gleich lassen“ sagt Helen. Dass dabei großmäulig auch so manche Grenzen des guten Geschmacks überschritten werden, liegt in der Natur des Erwachsenwerdens.

Den Konventionen des Genres folgend ist oft das „Anderssein“ des Helden / der Heldin der Katalysator für die Identitätssuche und in Folge des Erwachsenwerdens. In HAROLD AND MAUDE war das die Todessehnsucht von Harold, in BILLY ELLIOT der Wunsch des kleinen Billy, Balletttänzer zu werden. Für viele ist Helen mit ihren Abenteuern am Rande des Ekels sicher sehr anders. Aber die Frage, die FEUCHTGEBIETE so explosiv macht, ist: Ist Helen vielleicht gar nicht so anders, sondern eigentlich ganz normal? Beziehungsweise soll, ja darf denn das „normal“ sein?!

Ekel ist die freche kleine Schwester der Lust

Ekel als die Kehrseite von Lust ist gar kein neues Thema in der Filmgeschichte und hat schon viele Besucher ins Kino gebracht. Tarantinos Rachegelüste wären ohne spritzende Gehirne und abgetrennte Gliedmaßen wohl nur halb so publikumswirksam. In DAS GROSSE FRESSEN (1973) wird die Lust am Essen über den Kannibalismus bis zur Kotzorgie geführt  – ein seither oft variiertes Thema. Wenn die Lust aus dem Vollen schöpft, ist der Ekel stets zur Stelle. Helen treibt ihre sexuelle Lust bis zum Exzess der Körperflüssigkeiten. Der Faux-Pas, den FEUCHTGEBIETE begeht, ist Ekel in Zusammenhang mit weiblicher Lust zu setzen. Das tat auch Roman Polanski mit EKEL und machte daraus bezeichnenderweise einen Horrorfilm. Nur auf den ersten Blick ist sein wegweisender Film eine ganz andere Geschichte.

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Catherine Deneuve spielt Carol, die mit ihrer Schwester eine Wohnung in London teilt. Trotz Jobs und regulierten Lebens erscheint Carol unselbstständig und psychisch ein wenig labil. Der Alltag beginnt sich gegen sie zu wenden, die normalsten Dinge erscheinen ihr plötzlich bedrohlich – insbesondere die sexuellen Avancen eines jungen Mannes und die lustvolle Beziehung ihrer Schwester zu einem verheirateten Mann. Als die Schwester Carol für einen Kurzurlaub alleine in der Wohnung zurücklässt, kippt diese endgültig in die Psychose: Ihr ekelt vor ihrer gesamten Umgebung und sie wagt sich nicht mehr vor die Tür. Sie versteigert sich in Angstfantasien, in denen Männer sie berühren und schließlich vergewaltigen. Der Film nimmt zunehmend die Perspektive von Carol ein und diese ist immer weniger von der Realität auseinanderzuhalten. Die Psychose gipfelt schließlich in einem Mord.

Das „Internationale Filmelexikon“ sieht die Wurzel von Carols Ekel-Neurose darin, dass sie sich in einer „männerdominierten Welt bedroht fühlt“. Tatsächlich beginnt Carols Misere mit sexueller Verweigerung. Männlichkeit ist per se eine Bedrohung für Carol, die Bedrohung drückt sich in Ekel aus. Der bloße Anblick des Rasierzeugs des Liebhabers der Schwester im Badezimmer ist ihr ein Greuel. Als sich eines morgens das Rasiermesser dasselbe Glas mit ihrer Zahnbürste teilt, wird die Zahnbürste vor Ekel sofort entsorgt. Die Geräusche des Geschlechtsverkehrs der Schwester nebenan quälen sie nachts. Endgültig überfordert ist sie, als ein junger Mann beginnt sie zu umwerben. Als er versucht, sie zu küssen, putzt sie sich danach manisch die Zähne. Carol ist das genaue Gegenteil von der Helen aus FEUCHTGEBIETE: Carol ekelt vor Sex, Helen ist neugierig auf Sex. In Folge ekelt Carol vor allem, Helen ekelt vor nichts.

Zur Lustlosigkeit dressierte Frauenköper

Bezeichnenderweise verdient Carol ihr Geld in einem Schönheitssalon. Dort lässt sich eine ältere Kundin aufdonnern und gibt ihr dabei den Rat: „There’s only one way to deal with men: Treat them as if you don’t give a damn about them. Because there’s only one thing that they want and I’ll never know why they make such a fuzz about it.”

Das sagt diese Frau ausgerechnet in einer Institution, die Frauen unter großem Aufwand auf ein Ideal trimmt, dessen Zweck letztendlich das männliche Begehren ist. Da wird an ihnen herumgeschnippelt, poliert, gefeilt, und gefärbt, bis nichts mehr an ihnen natürlich ist. Eine ähnliche Szene in einem Schönheitssalon finden wir übrigens in SAFE, Todd Haynes Variation des Themas von 1995, in dem Julianne Moore eine Ekelneurose entwickelt. Und auch in FEUCHTGEBIETE hat das Ritual der Zurichtung des weiblichen Körpers seinen Platz: Schließlich landet Helen überhaupt nur wegen einer Intimrasur im Krankenhaus, wo das Drama seinen Lauf nimmt.

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Es sind zwei Gegensätze, die Carol in ihrer Identität als Frau erlernt hat und nicht zusammenbekommt, weil sie auch nur schwer zusammengehen: Einerseits wird sie angehalten einen großen Teil ihres Lebens dafür aufzubringen, Männern zu gefallen. Andererseits soll Sexualität für Frauen selbst uninteressant sein, eine Gefahr oder eine lästige „Pflichterfüllung“ die keinen Spaß macht. In dieser Schizophrenie liegt die Wurzel von Carols Ekelneurose. Sie verweigert ihre Rolle als sexuelles Objekt indem sie Sex verweigert.

Sauberfrauen mit Kriegsbemalung

Mit Stöckelschuhen und Make-up werden Frauen in Carols Welt zur vollendeten Kontrolle über ihren Körper erzogen, in der „Natur“, Körperfunktionen und -flüssigkeiten unerwünscht sind. Dennoch hat Körperlichkeit unvermeidlich mit Körperflüssigkeiten zu tun und in idealisierter Männlichkeit haben diese von jeher durchaus einen Platz. In unzähligen Actionfilmen wird literweise Männerblut vergossen. Verschwitzte Männerkörper gelten nicht erst seit Bruce Willis als sexy, Sperma gilt als Insignium von Potenz. Fäkalwitze gehören in Buddy-Komödien zum guten Ton. Frauen hingegen sollen immer hübsch, dressiert und vor allem sauber anzusehen sein, damit sie in ihrer Rolle als sexuelles Objekt funktionieren. Wenn man also, wie Carol, Sex verweigern will, ist die Ekelneurose nicht mehr weit.

Helen hingegen verweigert diese Rolle in der postfeministischen Ära indem sie ihre Sexualität selbst in die Hand nimmt, zum Subjekt wird und dadurch auch gleich die Konventionen der weiblichen Auffassung von Körperhygiene infrage stellt. Für Carol endete das 1965 fatal, für Helen endet das 2013 in einer Befreiung.

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Soll und darf Helen also „normal“ sein? Eine Frau, die gerne mit Avocadokernen in ihrer Muschi herumspielt und auch noch darüber redet erschreckt vielleicht so manche Torhüter der idealisierten weiblichen Sexualität. Noch mehr eine junge Frau, die aus völlig eigennützigen Gründen neugierig ist, wie Sperma schmeckt. Wir lernen aus FEUCHTGEBIETE nicht nur, dass das durchaus gesund sein kann, sondern auch, dass es Männer geben kann, die das scharf finden. Und aus abgefahreneren Experimenten ihrer Katharsis, wie das gewohnheitsmäßige Abwischen von öffentlichen Kloschüsseln mit ihrer eigenen Muschi, wird Helen sicherlich herauswachsen.

Den feministischen Aspekt dieser eigentlich so konventionellen Coming-of-Age-Geschichte von FEUCHTGEBIETE, schafft erst das Publikum. Die Abwertung und die aggressive Empörung über eine weibliche Heldin, deren treibende Kraft eine neugierige und selbstbestimmte Sexualität inklusive Körperflüssigkeiten ist, zeigt erst wie nötig dieses Buch, dieser Film ist.

Abschließender Hinweis: Der Autor hat das Buch „Feuchtgebiete“ nicht gelesen und bezieht sich hier ausschließlich auf die Verfilmung.

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