Wo BIO draufsteht, ist nicht immer Bio drin

von guffinmac

2013 war wieder einmal ein Kinojahr der Biopics und ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Das ist nicht verwunderlich, da eine bereits bekannte Geschichte als Erfolgsgarant gilt. Dabei ist ein gutes Biopic wirklich kein leichtes Unterfangen: Wie in keinem anderen Hollywoodgenre wird „Authentizität“ zum Gradmesser seiner Qualität. 

Iron Lady

Oscarprämiert: Meryl Streep in THE IRON LADY

Niki Lauda (RUSH), Liberace (BEHIND THE CANDELABRA), Julian Assange (INSIDE WIKILEAKS) hatten wir kürzlich auf der Leinwand, DIANA startet diese Woche und Gerüchten zufolge sind Filme über Freddie Mercury (Ben Whishaw), Steve Jobs (Ashton Kutcher) und Elton John (Tom Hardy) in der Pipeline. Der Trend hält seit Ende der 90er Jahre an und spiegelt sich auch in der Liste der großen Oscargewinner der letzten 15 Jahre: FRIDA, ELIZABETH, A BEAUTIFUL MIND,  LA VIE EN ROSE, RAY, AVIATOR, WALK THE LINE, DIE QUEEN, THE KING’S SPEECH und zuletzt THE IRON LADY. Das Publikum möchte offenbar immer wieder wohlbekannte Geschichten sehen. Hollywood hat darin eine Rezeptur gefunden, die ganz ähnlich funktioniert wie Superhelden-Verfilmungen oder Prequels und Sequels im Blockbusterkino. Ebenso wie Batman oder Ironman sind auch Edith Piaf, Prinzessin Diana oder Johnny Cash bereits bekannte Marken, die den Marketingabteilungen einen Startvorteil verschaffen. Der Erfolg scheint damit ein Selbstläufer zu sein, je nach Bekanntheit der porträtierten Person.

Ob der vorprogrammierte Kassenerfolg aber auch seiner Vorlage gerecht wird, ist eine andere Geschichte. In der Literaturverfilmung gilt es noch als legitim, sich von der Vorlage zu entfernen um ein eigenständiges Kunstwerk zu erschaffen. Und selbst im Period Piece ist es ein gangbarer Weg, sich nicht allzu sehr mit historischen Details aufzuhalten. Doch im Biopic geht es meist um eine reale (historische) Persönlichkeit öffentlichen Interesses. Und Hollywoods Biopics können ganz entscheidend unser Bild prägen, das wir uns von historischen Figuren machen. Wer denkt heute bei „Gandhi“ wirklich noch an Gandhi und nicht an Ben Kingsley? Oft hat man es außerdem mit einer loyalen Fanbase zu tun, die ganz spezifische Erwartungen stellt. Man hat also eine gewisse Verantwortung dem Original gegenüber. Und die Frage nach der Authentizität stellt sich mit beinahe ebenso großer Dringlichkeit wie im Dokumentarfilm.

Zwei Filmlegenden-Biopics aus dem Vorjahr sind mit dieser Frage völlig unterschiedlich umgegangen und eignen sich daher gut für einen Vergleich: Das Hitchcock-Biopic HITCHCOCK tappt in jede erdenkliche Falle, die das Genre stellt, während das Monroe-Biopic MY WEEK WITH MARILYN diese elegant umschifft.

Anthony Hopkins im Fummel

Entscheidend scheint im Biopic zuallererst die Wahl des Hauptdarstellers zu sein und dessen Ähnlichkeit mit dem Original. Einen Star braucht man womöglich auch noch. Denn bei vielen Biopics haben wir ein ziemlich genaues Bild vor Augen, wie die Figur auszusehen hat. Der Ähnlichkeit hat man in HITCHCOCK deshalb mit reichlich Plastilin in Anthony Hopkins Gesicht und Polstern unterm Sakko des bekanntlich beleibten Maestros nachgeholfen. Hopkins übt sich dann auch im hochnäsigen Blick seines Vorbildes, arbeitet sich an dem zur Schnute verzogenen Mund ab. Trotzdem spielt er unter seinen Fettprothesen viel zu agil um den stoischen, schwarzen Humor des eigentlich ziemlich bewegungsunfähigen dicken Mannes rüberzubringen. Der Charakter will einfach nicht in den Körper passen. Wenn man den guten alten Alfred nur ein wenig kennt, sieht man deshalb trotzdem immer nur Anthony Hopkins plus Plastilin. Besonders einen „Fan“ vermag das sicher nicht zu überzeugen.

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Original und Anthony Hopkins in HITCHCOCK

Auch wenn man bei Margaret Thatcher wohl weniger von „Fans“ sprechen kann, hat man denselben Fehler auch mit Meryl Streep in THE IRON LADY gemacht. Besonders eindrucksvoll wird er auch hier durch Streeps affektiertes Spiel. Denn wie schon in ihrer Darstellung der Starköchin Julia Child in JULIE & JULIA verlässt sie sich allzu sehr darauf, die Manierismen des Originals einfach zu imitieren. Daraus entsteht kein glaubwürdiger Charakter, sondern eine Karikatur; eine Parodie, die natürlich durchaus amüsant sein kann. Meryl Streep ist zweifellos eine begnadete Schauspielerin, aber was sie hier abliefert ist nicht Schauspiel, sondern Travestie.

Michelle = Marilyn. Punkt.

Dem Problem der Ähnlichkeit entzieht sich natürlich ein Biopic über eine historische Persönlichkeit wie ELIZABETH oder MARIE ANTOINETTE, von der nicht mehr jeder weiß, wie sie aussieht. Aber bei einer Figur wie Marilyn Monroe, die wohl im kollektiven Gedächtnis noch stärker präsent ist als Alfred Hitchcock, ist das eine Herausforderung. In MY WEEK WITH MARILYN hat man trotzdem recht wenig Aufwand darauf verschwendet, Michelle Williams genauso wie Marilyn Monroe aussehen zu lassen. Natürlich ist einfach schon die Wahl der Hauptdarstellerin schlau. Da reicht die ikonische Frisur und ansonsten wird einfach frech behauptet, dass wir jetzt Marilyn Monroe vor uns haben. Der Rest ist Schauspiel. Und mangels anderer Ablenkungsmanöver vergessen wir einfach recht bald, dass es eigentlich Michelle Williams ist, die wir sehen. Es ist eine dieser seltsamen Verdrehungen der Oscargeschichte, dass Williams der Streep im selben Jahr trotz Nominierung als beste Hauptdarstellerin unterlegen ist.

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Michelle Williams in MY WEEK WITH MARILYN

MY WEEK WITH MARILYN extrahiert gerade mal eine kurze Woche aus dem Leben von Marilyn Monroe. Der Film folgt damit der neueren Tradition in einem Biopic nicht mehr ein ganzes Leben auszubreiten, sondern nur einen Ausschnitt, und diesen für allgemein gültig zu erklären. Dasselbe versucht auch HITCHCOCK indem sich die Zeitspanne auf die Entstehungsgeschichte von PSYCHO beschränkt.

Damit wird das Problem gelöst, dass ein Leben – auch das Leben eines Pop-/Rock-/Film-Stars – nun mal nicht den Konventionen der Dramaturgie gehorcht. In einem begrenzten Ausschnitt kann man näher, „authentischer“ an den realen Begebenheiten bleiben. Ein Biopic muss ein Leben dramatisieren, einen Konflikt, eine Entwicklung, einen Höhepunkt, einen Klimax destillieren. Die meisten Biopics verkürzen das Leben ihres Stars deshalb neuerdings auf wenige dramatische Jahre, die erwartungsgemäß in einem Klimax, einem sehnsüchtig erwarteten (und filmisch endgültig gemachten)  Erfolg enden. Im demnächst startenden DIANA geht man sogar ungeniert so weit, der Prinzessin eine Liebesgeschichte als Dreh- und Angelpunkt des Plots anzudichten, deren Echtheit mehr als fragwürdig ist.

Das Leben schreibt nicht die besten Geschichten

Einer Figur, einer Legende, einem Charakter kommt man damit nicht unbedingt näher. In HITCHCOCK ist die Entstehungsgeschichte von PSYCHO nur der Aufhänger; die Geschichte, die eigentlich erzählt wird, ist die Liebesgeschichte zwischen Hitchcock und seiner Ehefrau (Helen Mirren). Auch wenn die sexistische Mär von der „starken Frau hinter jedem starken Mann“ in diesem Fall durchaus akkurat ist, kommt das wie eine Entschuldigung für den ganzen Film daher. Der rund um PSYCHO zugespitzte Konflikt zwischen dem langjährigen Paar erscheint hinkonstruiert, weil er eigentlich gar keiner ist. Vor allem aber erzählt er uns wenig bis gar nichts über diese legendäre Figur der Filmgeschichte. Darüber, was Hitchcock, sein Werk und seine Persönlichkeit ausgemacht hat, weiß der Zuschauer nach dem Film genauso viel oder wenig wie vorher. Die vergleichende Lektüre eines anderen Hitchcock-Biopic, das mit weniger medialer Aufmerksamkeit fast zeitgleich „direct to video“ erschienen ist, zahlt sich übrigens aus: THE GIRL widmet sich den Dreharbeiten zu DIE VÖGEL, direkt nach PSYCHO, und scheitert nicht ganz so fulminant.

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Eddie Redmayne als junger Filmschaffender in MY WEEK WITH MARILYN

Natürlich hat man auch für MY WEEK WITH MARILYN die Hausaufgaben gemacht und den Film mit allerlei historisch verbürgten Details gefüllt. Doch der Film wird nicht aus der Perspektive von Marilyn Monroe erzählt, sondern aus der Sicht eines Verehrers und jungen Filmschaffenden (der übrigens später ein Buch über diese Begegnung geschrieben hat, auf dem der Film basiert). Dieser kleine Kunstgriff zieht einen doppelten Boden ein. Hier geht es nicht um den Auf- und Niedergang eines Stars, es geht um die Essenz einer Legende. Michelle Williams sagt in einer Szene zu ihrem Verehrer (vielversprechend: Eddie Redmayne) „Soll ich mal kurz Marilyn Monroe für dich sein?“ und zieht daraufhin eine „sexy“ Show als für ihn ab. Damit werden auf einen Schlag alle Vorstellungen, die wir von Marilyn Monroe haben, als Klischees entlarvt und ausgestellt. Mühelos erschafft der Film Authentizität, indem er sie erst gar nicht behauptet. Denn es geht hier nur am Rande darum, wer Marilyn Monroe wirklich IST, als viel mehr darum wer diese Legende in der Wahrnehmung der ANDEREN ist. Die Vorstellung von dem, was dazwischen liegt, ist erst wirklich aufregend. Im Spannungsfeld zwischen Kunstfigur und dargestelltem Charakter wird Marilyn Monroe wirklich lebendig und „authentisch“ erfahrbar.

Auch wenn das Drehbuch manchmal einen Schuss weniger Süße vertragen hätte, wird MY WEEK WITH MARILYN seiner Aufgabe als Biopic grandios gerecht. Allzu viele handelsübliche Biopics arbeiten sich an falsch verstandener Authentizität ab oder unterwerfen ihre Figuren bedingungslos einer billigen Dramaturgie. Wenn man schon eine altbekannte Marke melken will, sollte man diese auch ernstnehmen. Das scheint jedoch beim anhaltenden Trend weder für den Kassenerfolg noch für den Oscarregen ausschlaggebend zu sein.