Im Kino: FINSTERWORLD

von guffinmac

Gescheit und unterhaltsam: Frauke Finsterwalder liefert mit ihrem Spielfilm-Debüt den besten deutschen Film seit langem, der sich jeder Kategorisierung entzieht. 

finsterworld

Eine Dokumentarfilmerin mit Zweifeln am eigenen Beruf. Ein bestechlicher Polizist mit einem Fetisch für Tierkostüme. Ein Fußpfleger bei dem die Geschäfte gerade schlecht laufen. Zwei Nerds die sich beim Schulausflug ins KZ gegen die Schnösel behaupten müssen. Ein Lehrer mit Bildungsauftrag gegen alle Widerstände. Ein großbürgerliches Ehepaar auf Reisen mit lächerlich verschwenderischem Lebensstil. Eine einsame alte Dame im Altersheim. Dieses mehr oder weniger skurrile Personal versammelt FINSTERWORLD für eine zynische Bestandsaufnahme Deutschlands, jeweils besetzt mit vorzüglichen Schauspielern.

Gegen die Trostlosigkeit des Lebens in Deutschland kommt nur die Natur an, wie es scheint. In verschiedenen Szenen sehen wir Naturdokumentationen, Wald- und Tierbilder, allerdings nur im Fernsehen. Der Polizist Tom findet eine eigenartige Befreiung darin, sich Tierkostüme anzuziehen. Und der einzig glückliche in dem Ensemble scheint der eigenbrötlerische Einsiedler zu sein, der alleine im Wald lebt. Er gibt so etwas wie eine Rahmenhandlung ab.

Ausgerechnet Österreich muss dabei ein wenig als Sehnsuchtswelt herhalten. Natürlich fühlt man sich als Österreicher ein bisserl am Goderl gekrault, wenn eine deutsche Regisseurin in ihrem Film eine Dokumentarfilmerin sagen lässt: „Die Österreicher machen ja viel bessere Filme als wir. Haneke, Seidl! Solche Filme würde ich gerne machen können!“ Auch wenn Finsterwalders Zynismus mehr mit Todd Solondz zu tun hat, der Geist von Ulrich Seidl durchweht als Vorbild im Hintergrund den Film. Mit Seidl teilt die Regisseurin die Vorliebe für das Perverse und skurrile Pointen und  streckenweise eine fast dokumentarische Beobachtungshaltung gegenüber ihren Figuren. Anders als Seidl ist sie aber gnädiger zu ihren Figuren und macht keine Unterschichts-Exploitation daraus. Mit der Figur der Dokumentarfilmerin Franzsika zieht sie auch eine selbstreflexive Ebene in den Film ein und macht sich wohl am meisten über sich selbst lustig, statt über andere.

Eigentlich ist ja auch ein bisschen unverschämt von einer Regisseurin namens Frauke Finsterwalder ihr Spielfilm-Debüt eitel (und sehr passend!) FINSTERWORLD zu nennen. Diese erfrischende Frechheit zeigt sich auch in ihrem Stil: Zuordnen lässt sich dieser Film einfach nicht, und das ist auch das tolle daran. Der dokumentarische Gestus wird bald einfach über Bord geschmissen und weicht einer Stilisierung. Hinterhältig melodramatisch wird so manche Geschichte plötzlich aufgelöst. Die vermeintliche Rahmenhandlung des Einsiedlers (ohne eine einzige Dialogzeile mit dem Österreicher Johannes Krisch besetzt) wird auch ganz unvermittelt mitten ins Drama geholt. Gut geklaut hat sie auch noch: Toms fetischistische Vorliebe für Tierkostüme kennen wir ähnlich schon aus der österreichischen Serie BRAUNSCHLAG (ja, schon wieder Österreich). Am ehesten zusammenfassen lässt sich das Ganze als Inventur Deutschlands. Die ist mal tragisch, mal komisch, jedenfalls zynisch, Nazivergangenheitsbewältigung inklusive. „Von allen Ländern der Welt geben die Deutschen am meisten Geld für Reisen aus.“ sagt Corinna Harfouch. Die Antwort: „Weil es hier so hässlich ist, deshalb wollen alle weg.“

Das klingt alles ein bisschen viel für einen Film? Ist es auch und geht trotzdem alles wunderbar hinein. Das ist frisches, wildes Kino aus Deutschland, ebenso gescheit wie unterhaltsam, weit entfernt von der Biederkeit der derzeit handelsüblichen Ware rund um Til Schweiger und Matthias Schwaighöfer. Schaut euch das an!

Trailer hier ansehen.

Advertisements