Menschlichkeit ist keine Glaubensfrage

von guffinmac

Der deutsche Titel von John M. McDonaghs neuem Film AM SONNTAG BIST DU TOT klingt vielleicht nicht nach einem Weihnachtsfilm, es ist aber irgendwie einer. Allerdings einer der bitterbösen Sorte.

Mit seinem Debüt THE GUARD hat uns John Michael McDonagh 2011 eine der schönsten Schwarzen Komödien der letzten Jahre beschert. Darin katapultierte er den großartigen Brendan Gleeson von der zweiten Reihe des Charakterfachs (HARRY POTTER, GANGS OF NEW YORK) in die vorderste. Der stampfte herrlich unflätig durch THE GUARD wie ein Elefant im Porzellanladen, als politisch unkorrekter irischer Bulle mit dem Herz am rechten Fleck.

Brendan Gleeson als Hauptdarsteller hat McDonagh in seinen neuen Film mitgenommen, diesmal dessen gutmütigere Seite. Erfreulicherweise auch seine Gabe für pointierte Dialoge und herrlich böse One-Liner. Da sagt einer über die Probleme mit seiner Frau: „I think she is bipolar. Or lactose-intolerant, one of the two.“ Doch bei allem schwarzen Humor geht sein neuer Film weit über Genregrenzen hinaus. Denn wie der Originaltitel CALVARY schon nahelegt, handelt es sich eigentlich um ein Passionsspiel. Und das ist sehr viel ernster als Monty Pythons’ DAS LEBEN DES BRIAN, das bisher wohl bekannteste (das einzige?) Jesus-Biopic aus dem humoristischen Fach.

Father James (Gleeson) nimmt jemandem die Beichte ab. Die Kamera bleibt dabei ganz konzentriert auf des Priesters Gesicht. In seiner Kindheit wurde er regelmäßig missbraucht, von einem Priester, sagt der arme Sünder. Um sich an der Kirche zu rächen, werde er ausgerechnet Father James töten, nächsten Sonntag. Eine Woche habe der Priester Zeit, seinen Frieden mit der Welt zu schließen.
Das ist die einfache, aber wirkungsvolle Prämisse des Films,  in deren Folge sich der Mikrokosmos einer kleinen, sündigen Kleinstadtgemeinde auffächert. Und deren Verhalten ist noch viel zynischer, als die Dialoge selbst. Das fantastische Ensemble versammelt alles, was dies- und jenseits von Hollywood gut irisch tönen kann; u.a. Hollywood-Veteran M. Emmet Walsh, Chris O’Dowd (BRAUTALARM), Kelly Reilly (EDEN LAKE) und, sehr lustig, GAME OF THRONES-Star Aiden Gillen (den meisten wohl besser bekannt als Lord Baelish). Die Suche des Zuschauers nach dem vermeintlichen Täter in spe, der in der Eröffnungssequenz dem Blick verborgen bleibt, mag der Spannungs-Aufhänger des Films sein. Aber dieser Suspense,  den Hitchcock verächtlich ein „Whodunnit“ („Wer ist’s gewesen?“) genannt hätte, tritt immer mehr in den Hintergrund. Jeder kann es gewesen sein.

amsonntagbistdutot01Seelige Frömmigkeit darf man sich, Passionsspiel hin oder her, nicht von CALVARY erwarten. Und auch keine fantastische Geschichte mit viel Teufel und so, denn die Existenz von Gott wird nicht wie im Horrorgenre vorausgesetzt. Auch die Glaubensfrage, an der fast alle Filme mit Priestern als Hauptfigur laborieren (von Hitchcocks I CONFESS bis zur schönen Theater-Verfilmung DOUBT), wird in CALVARY kaum verhandelt. Gott glänzt hier durch Abwesenheit. Er ist vielleicht gerade noch in den wuchtigen Landschaftsaufnahmen der irischen Küste spürbar. Das Lotterleben in der irischen Provinz ist die Hölle auf Erden und damit sind auch noch fast alle ganz glücklich: die untreuen Eheleute, die Habgierigen, die Stricher, Homosexuellen, Säufer, Ungläubigen – keiner will gerettet werden. Father James ist nicht naiv, und tut doch, was er tun muss.

Damit gleicht CALVARY mehr den düsteren Filmen von Abel Ferrara, als Geschichte um Schuld und Sühne. Denn es geht um nichts weniger als die menschliche Natur, mehr noch: um die Menschlichkeit, auf eine ganz unreligiöse Weise. Da haben wir ihn, den Weihnachtsfilm! Die düstere Variante.

Ab 28.11.2014 im Kino. Trailer hier.

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