Investment in Zeiten der Krise

von guffinmac

Am 6.2. kommt mit DIE SÜSSE GIER ein italienischer Episodenfilm vor dem  Hintergrund der Finanzkrise bei uns ins Kino. Der Film war in seiner Heimat, wie schon die Buchvorlage, ein Kassenschlager. Nicht nur den analytisch geneigten Gemütern der Filmkritik machen kunstvoll konstruierte Episodenfilme Spaß. DIE SÜSSE GIER ist eine sehenswerte handwerkliche Fingerübung.

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Der Film beginnt mit einem Unfall, der das Schicksal zweier Familien miteinander verbinden wird. Die Ossalas, eine um ihre Existenz kämpfende Mittelklasse-Familie, und die Bernaschis, eine reiche Kapitalisten-Familie, haben zunächst nur gemeinsam, dass ihre Kinder in derselben Schule sind und sich romantisch annähern.
Dino Ossala wird versuchen die neue Bekanntschaft für seinen Vorteil zu nutzen und sich auf höchst riskante Weise in den Hedge Fond der reichen Bernaschis einzukaufen. Carla Bernaschi, ehemalige Schauspielerin, ist hingegen selbst kaum mehr als eine schöne Trophäe für ihren Mann Giovanni und wird versuchen sich ihre Würde und Integrität als Mäzenin eines kleinen Theaters zurückzukaufen. Und Serena, Dino Ossalas Tochter, wird versuchen, gegen alle Vernunft ihre Gefühle in den (vermeintlich?) falschen Mann zu investieren.

DIE SÜSSE GIER heißt im Original Il CAPITALO UMANO. Der titelgebende Begriff „Human Capital“ beschreibt in der Sprache der Versicherungen den monetären Wert von menschlichen Beziehungen für Kompensationszahlungen. Deshalb darf man den  Film durchaus als Kommentar zur Finanzkrise begreifen, oder besser noch als ein Abbild der italienischen Gesellschaft vor dem Hintergrund einer Wirtschaft in der Abwärtsspirale. Einen Wirtschaftskurs muss man dafür nicht absolvieren, im Zentrum stehen die menschlichen Verwerfungen in diesem Zusammenhang. Die Gier spielt  eine zentrale Rolle, nach Geld aber auch nach Statussymbolen. Investment ist aber das zentrale Thema des Films, das sich langsam vom finanziellen zum persönlichen Investment verschiebt.

Weil DIE SÜSSE GIER ein Episodenfilm ist, wird er, streng in 3 Akte und 4 Kapitel eingeteilt, aus der Perspektive von 3 verschiedenen Personen erzählt, Dino, Carla und Serena. Dadurch wird auch das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven durchdekliniert, und wie dieses Geflecht zusammengehalten wird, ist natürlich eine faszinierende Spielerei. In der kunstvollen Konstruktion des Plots kann sich Regisseur Paolo Virzi ganz gemütlich auf die Bestseller-Vorlage von Stephen Amidon verlassen, selbst ein Filmkritiker. Auch das weniger dramatisch geneigte Publikum wird mithilfe einer Thriller-Struktur gekonnt bei der Stange gehalten, indem ein Unfall vorangestellt wird und dessen Hergang als Rätsel langsam aufgelöst wird. Der  Perspektivenwechsel zwischen den Charakteren ermöglicht einen ständigen Zuwachs an Information, der das mysteriöse Ereignis stets in ein anderes Licht rückt. So wird eine Szene in jeder der drei Episoden aus unterschiedlichen Perspektiven wiederholt: Die Mittelklasse-Familie Ossala wird beim Abschlussball der Schule von Serena und Luca an den Tisch der reichen Familie Bernaschi eingeladen. Doch warum weint Roberta vorher in ihrem Auto? Und warum kommt Serena viel zu spät? Der Zuschauer bleibt der Wahrheit auf der Spur.

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Der große Verdienst von Virzis Inszenierung liegt darin, das abstrakte Thema mithilfe eines durchgängig glänzenden Casts mit Leben zu füllen. Allen voran Valeria Bruni Tedeschi: Die hat in ihrer Paraderolle als armes reiches Mädchen schon öfter genervt, hält hier aber als der mittlere der Charaktere den Film souverän und leichtfüßig zusammen. Selbst die Nebenrollen wie Fabrizio Gifuni als Finanzhai oder Fabrizio Bentivoglio als patscherter Möchtegern-Emporkömmling ringen ihren unsympatischen Charakteren unerwartete Nuancen ab, und von den Jungschauspielern Matile Gioli (Serena) und Giovanni Anzaldo (Luca) wird man hoffentlich im italienischen Film noch hören.

Regisseur Paolo Virzi hat in Italien bereits einige veritable Publikumshits geliefert und den Routinier sieht man seinem Film auch an, vielleicht sogar ein wenig zu sehr. Die Kamera von Jéróme Alméras leuchtet jeden Winkel der Bernaschi Villa dekorativ aus. Und wenn es Weihnachtszeit ist, weiß man das in DIE SÜSSE GIER gleich durch einen höchst effizienten Establishing-Shot, in dem uns eine Kamera-Kranfahrt durch weihnachtlich beleuchtete Straßen und Schneeflocken führt, Bing Crosby Weihnachtslieder aus dem Off jault und am Gehsteig dekorativ ein Weihnachtsmann platziert ist. KEVIN ALLEIN ZU HAUS lässt grüßen. Dieser flüssige, effiziente Inszenierungsziel mag manchem angesichts des Themas zu dekorativ erscheinen. Aber die glatte Oberfläche setzt durchaus einen eleganten Kontrapunkt zu den menschlichen Verwerfungen, die unter dieser Oberfläche brodeln.

Wer sich große Einsichten zur Finanzkrise von DIE SÜSSE GIER erwartet, wird enttäuscht werden. Dafür bekommt man intelligente Unterhaltung auf höchstem handwerklichen Niveau und der Lustfaktor des episodischen Planspiels wird voll eingelöst. Sehenswert!

Trailer hier ansehen. (Achtung, er enthält ein paar kleine Spoiler – am besten einige Zeit vor dem Kinobesuch anschauen und gleich wieder vergessen)

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