Disney hat Fieber

von guffinmac

DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN: Matteo Garrones abgefahrenes Fantasy-Potpurri  hält in bestem Sinne, was der Titel verspricht. Ein greller Fiebertraum, der lange nachhallt.

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Three in One: DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN erzählt parallel drei archetypische Geschichten um drei Königsfamilien.
Eine unfruchtbare Königin wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Auf den Rat eines Zauberers lässt sie ein Seeungeheuer schlachten und dessen Herz von einer Jungfrau als Mahl zubereiten. Schon am nächsten Tag gebären sowohl die Jungfrau als auch die Königin Kinder, die wie Albino-Zwillinge aussehen …
Ein König und Schürzenjäger lässt sich vom betörenden allabendlichen Gesang einer Unbekanten bezirzen, und bekniet diese vor verschlossener Tür, sie möge das Schlafzimmer mit ihm teilen. Er ahnt nicht, dass der Gesang von einem greisen Schwesternpaar kommt, das sich durchaus in die Arme des virilen Königs sehnt, vorher aber noch die Grenzen der eigenen greisen Körper zu überwinden hat …
Ein alleinerziehender König ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, oder besser gesagt mit der Ersatzliebe für ein eigenartiges Haustier, als sich um seine Tochter zu scheren. Als er die Wahl für einen Zukünftigen für seine Tochter treffen soll, verspielt er sich und trifft eine Entscheidung, die sich bitter rächen wird …

Viele haben sich schon mit der psychoanalytischen Lesart von Grimms Märchen beschäftigt, und Autor und Regisseur Matteo Garrone bestimmt auch. Vielleicht sogar, bevor er seinen preisgekrönten Spielfilm über die Mafia, GOMORRHA, gedreht hat. Die neapolitanischen Märchen aus dem Barock, die ihm für diesen Film als Vorlage dienten, könnten so ähnlich auch in den originalen Grimm-Sammlungen und bei ihren Vorfahren stehen, bevor sie Walt Disney behübscht und durchgeputzt hat. Da gibt es Narzismus, Todestrieb, Inzest, Symbiose, Ersatzliebe, Projektion, alle möglichen pathologischen Beziehungen – Freud hätte seine Freude gehabt. Diese Märchen sind pervers, ungerecht und dreckig.

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Pervers schön sind sie außerdem. Denn der Look aktuellerer Fantasy-/Märchen-Blockbuster wie ist durchaus irgendwie vorhanden, aber immer ein bisschen schräger. Vor blütenweissem Palastdekor beisst Salma Hayek als Königin gar nicht ladylike in das blutrote Herz des geschlachteten Seeungeheuers. Ein Bild, das aus einem Jodorowsky Film stammen könnte. Die schwülstigen Settings, in denen sich Vincent Cassel als chauvinistischer König seinen leiblichen Gelüsten hingibt, könnten aus einem späten Fellini Film kommen. Die Paläste und fantastischen Landschaften sind immer eine Spur daneben, roher und seltsamer als in GAME OF THRONES, vielleicht gerade weil offenbar viel an italienischen Originalschauplätzen gedreht wurde. Auch der Cast um Salma Hayek, Vincent Cassel, Toby Jones und John C. Reilly kommt eher aus dem Indie-Kino als aus dem Spektakel-Universum. Trotzdem übertreibt Garrone diese „Artsyness“ nie. Die drei Geschichten sind zwar gekonnt verwoben, ansonsten aber sehr geradlinig erzählt. Dazu hat der Film einen altmodischen Score, wie er sich gehört: ein teppichartiges Orchester, das Stimmung macht, ohne jemals aufdringlich zu akzentuieren, wie heute in handelsüblicher Ware so oft üblich. Auch angenehm: Stakkato-Schnittfolgen und rasante Actionsequenzen fehlen komplett. Garrone lässt sich Zeit, und das ist gar nicht langweilig. Sein Film ist in allen Aspekten die gelungene Arthouse-Version eines Fantasy-Blockbusters für Erwachsene.

Gerne verzeiht man da kleine Schwächen wie gelegentlich nachlässig gezeichnete Charaktere oder das nicht vorhandene Schauspiel eines Vincent Cassel. DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN ist Überwältigungskino wie wir es schon lange nicht gesehen haben. Dieses Märchen hätte Walt Disney wohl nur im Fieberwahn erträumt. Hoffentlich findet der Film seine Schnittmenge zwischen spektakel-tolerantem Arthouse-Publikum und aufgeschlossenem Blockbuster-Publikum. Es wäre für beide Seiten eine bereichernde Erfahrung.

Ab heute im Kino.

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