Viennale 2015

von guffinmac

Liebe LeserInnen,
da ich bei den Texten im aktuellen Viennale-Programm mitgearbeitet habe, kann ich (schnell hingefetzt) vorab ein paar Empfehlungen abgeben:

CAROL
Keine Überraschung: Schon jetzt kann ich sagen, dass das vermutlich mein Film des Jahres sein wird. Da es sich um den Eröffnungsfilm handelt, wird es sicher nicht leicht sein, Karten zu ergattern – aber keine Sorge, CAROL startet am 18.12. regulär im Kino. Bis dahin kann man sich mit der Sichtung des verwandten Meisterwerks DEM HIMMEL SO FERN vorbereiten, sofern man den – Schande! – noch nicht gesehen hat.

CARMÌN TROPICAL
Diese bittersüße Krimigeschichte wird jedem/jeder gefallen, dem/der Melancholie nicht fremd ist. Bemerkenswert ist der Film aber vor allem durch seinen praktisch nicht vorhandenen Umgang mit dem Thema Transgender, trotz Transgender-Protagonistin.

UN ETAJ MAI JOS / ONE FLOOR BELOW
Reduziertes rumänisches Kino at it’s best, eine überraschend spannende Studie eines Anti-Helden.

CHEVALIER vs. LOBSTER
Zweimal griechisches Kino, das sein Markenzeichen ausspielt: eine Versuchsanordnung realistisch durchzuspielen. CHEVALIER wird wegen vermeintlichen Männlichkeitsklischees sicher polarisieren. Auf der sicheren Seite ist man mit einer Prognose á la Amazon: „Wenn dir DOGTOOTH gefallen hat, wird dir auch CHEVALIER gefallen.“  Dem Vernehmen unter KollegInnen nach ist LOBSTER jedoch die amüsantere Variante, leider hatte ich bisher keine Gelegenheit letzteren zu sehen.
(Korrektur 28.10.: LOBSTER ist natürlich kein griechischer Film, sondern das U.S. Debut ds griechischen DOGTOOTH-Regisseurs Yorgos Lanthimos)

DHEEPAN
Bisher konnte ich die einhellige Begeisterung für Jacques Audiards Werke (EIN PROPHET, DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN) nie so recht teilen. Diesmal muss ich mich anschließen, diese Integrations-/Banlieues-Geschichte hat mich restlos überzeugt (wenn man von der ärgerlich unnötigen, allerletzten Szene einmal absieht).

HAPPY HOUR
Als Freund von ausgefeilten klassischen Dramaturgien bin ich generell der fast schon altmodischen Meinung: Wer eine Geschichte nicht in rund 90 Minuten erzählen kann, sollte es lieber gleich bleibenlassen. Insofern ist HAPPY HOUR mit seinen 5 Stunden Laufzeit eine echte Zumutung. Bemerkenswert ist an diesem Film trotzdem, dass er fast nie langweilig wird. Gerade durch die Überdehnung ist eine faszinierende Charakterentwicklung möglich. Man muss die Geduldsprobe allerdings nicht komplett aussitzen: Ich empfehle dazwischen auf einen Kaffee zu gehen, spätestens wenn im letzten Drittel eine Lesung in Echtzeit abgefilmt wird.

LAMPEDUSA IM WINTER und EINER VON UNS
Die österreichischen Highlights des diesjährigen Festivalprogramms, ersterer ein Dokumentarfilm, zweiterer ein Spielfilm auf Basis einer realen Begebenheit. Beide sehr sehenswert.

SEIT DIE WELT WELT IST
Normalerweise habe ich wenig für Dokus übrig, die das Landleben romantisieren. Günther Schwaigers Film hat mich trotzdem überrascht und taugt sicher gut für eine sehr entspannende Abwechslung im düster dominierten Festivalprogramm.

Selbstverständlich besteht hier keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, da ich nur einen Bruchteil des Festivalprogramms gesehen habe.

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