„Und du kommst echt aus Amerika?“

von guffinmac


DAS FINSTERE TAL
liegt nicht in den Rocky Mountains, sondern in den Alpen: Der Austro-Western von Genrespezialist Andreas Prochaska stürmt derzeit die Kinocharts und zeigt ein Bedürfnis nach Genrekino aus Österreich – aber kann denn das überhaupt gutgehen?

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Andreas Prochaskas „Alpen-Western“ DAS FINSTERE TAL – jetzt im Kino

Ein amerikanischeres Genre als den Western gibt es eigentlich nicht, denn er erzählt Amerikanern etwas über ihre Herkunft. Die Gemeinschaft im Wilden Westen dient als Miniatur für das Entstehen einer Nation, bevölkert von idealistischen Pionieren, die sich (unwirtliches) Land erobern und unterwerfen. John Wayne ist in zahlreichen klassischen Western zum Archetyp dieses Pioniers geworden. Doch die besten Western erzählen auch von einer Utopie im rechtsfreien Raum der Wildnis, von einer Gesellschaft, die im Entstehen begriffen ist und erst festlegen muss, was für sie richtig oder falsch ist und wie dieses Recht ausgeübt wird. Die Protagonisten des Wilden Westens sind fast immer Outlaws und / oder genau das Gegenteil: Sheriffs. Nichts weniger als das Gesetz wird anhand dieser Pole verhandelt, deshalb ist der Western auch das ultimative Rache-Genre. Das Recht des Stärkeren gegen das Recht des Staates, Individualität gegen Gemeinschaft. Im Western geht es um die Gründungmythen der USA.

Auch beim FINSTEREN TAL haben wir es mit einem Fremden zu tun, der in eine eingeschworene, ihm feindlich gesinnte Gemeinschaft – ein Bergdorf in den Tiroler Alpen – eindringt und das Recht selbst in die Hand nimmt. Aber kann so etwas uramerikanisches überhaupt in einem anderen Land funktionieren? Gerade der Western ist das beste Beispiel, dass es kann! Denn der amerikanische Western hat sich schon selbst ausführlich bei den Samurais bedient, den Outlaws der japanischen Kultur. Aus Akira Kurosawas SIEBEN SAMURAI wurden in Hollywood DIE GLORREICHEN SIEBEN (Cowboys) und aus YOJIMBO wurde FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR. Und mit diesem Klassiker von Sergio Leone sind wir bereits bei der bis dato erfolgreichsten europäischen Adaption eines amerikanisch geprägten Genres: dem Spaghetti-Western der 60er und 70er Jahre.  Das Erfolgsrezept dieser italienischen Kopie war die bekannte Geschichte mit einem starken, eigenen Stil zu kombinieren. Die Manierismen des Western wurden grell überzeichnet, teilweise ganz im Sinne des damals zeitgeistigen Exploitation-Films. Da sah man auf einmal Gewehrkugeln in Zeitlupe zu Boden fallen, extreme Nahaufnahmen und kühne Schnitte im finalen Shoot-Out, rauchende Colts zu bombastischen Latino-Klängen. Thematisch funktioniert die Verhandlung von Recht und Ordnung auch in anderen Kontexten. Stilistisch hatte das mit dem klassischen Hollywood-Western nur noch wenig zu tun und ließ diesen ziemlich alt aussehen.

Spaghetti Moretti

Il grande silencio - Foto

Klaus Kinski in Sergio Corbuccis „Schnee-Western“ LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG

Obwohl DAS FINSTERE TAL mit Sergio Corbuccis LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG ein eindeutiges italienisches Vorbild hat, verzichtet Prochaska auf die grelle Bildsprache des Spaghetti-Westerns. Stattdessen versieht er auch diesen Film mit seiner modernen Handschrift, die er schon in anderen Genreausflügen wie IN 3 TAGEN BIST DU TOT und der Krimiserie SPUREN DES BÖSEN erprobt hat. Der „Schnee-Western“ hat ohnehin schon Tradition und das abgeschnittene Tiroler Bergdorf eignet sich für die sich anbahnende Rachegeschichte ebenso gut wie die amerikanischen Backlands. Vom klassischen Motiv des Fremden (mit Sam Riley schlau besetzt) bis zum finalen „Shoot-Out“ ist alles da, was einen Western ausmacht. Tobias Moretti gibt einen hervorragenden Bösewicht ab (bitte mehr davon!). Besonders schlau war es schon von der Romanvorlage, einen Amerikaner als Hauptfigur anzulegen (und zu besetzen). Das sorgt für einen augenzwinkernden Dialog: „Und du kommst echt aus Amerika? Gibt’s da echt Indianer? Hast du echt schon einen echten Indianer gsehn?“ Die Tonart von DAS FINSTERE TAL sitzt genau richtig: Alles schon gesehen, aber ein bisschen anders.

Ein wenig schade ist, dass Prochaska offensichtlich genrebedingt einen „Buben-Film“ machen wollte. Er ignoriert dabei, dass es im eigentlichen Kern der Geschichte (der Romanvorlage) um eine patriachale Gesellschaft und deren Frauen geht – mehr soll hier aus spoiler-technischen Gründen nicht verraten werden. Trotzdem bleiben die weiblichen Charaktere dekorativ heulende und leidende Staffage, deren Befindlichkeit zugunsten der männlichen Protagonist-Antagonist-Konstellation überhaupt nicht interessiert. Ein, zwei vielsagende Szenen unter Frauen hätten gereicht um diese Situation auszuleuchten und damit der Geschichte viel mehr Tiefe zu verleihen – eine verpasste Chance. Auch die Sprache ist (für deutschsprachige Zuschauer) gewöhnungsbedürftig: Das aus Schauspielern aller deutschsprachigen Länder zusammengewürfelte Ensemble spricht nicht aus einem Munde. Besonders das „tirolerisch“ der als Erzählerstimme fungierenden Paula Beer (eindeutig bundesdeutsch) muss man erst einmal glauben. Das ist ein Missverständnis, dem der europäische Genrefilm oft noch viel ärger aufsitzt: Dass es reichen würde, das amerikanische Erfolgsmodell zu kopieren und mit ein wenig (dialektalem) Lokalkolorit zu versehen.

Ein Heimspiel

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Sabrina Reiter in Andreas Prochaskas IN 3 TAGEN BIST DU TOT (2006)

Versuche den europäischen Genrefilm zu beleben gab es immer wieder, doch eine wirklich eigenständige Richtung konnte jüngst kaum ein europäisches Land als Marke etablieren. Die Franzosen haben ihre eigene Art von Romantic Comedys und auch mal (amerikanisch inspirierte) Gangsterfilme. Spanien ließ Ende der 90er bis Mitte 2000er mit einer Reihe von außergewöhnlichen Horrorfilmen aufhorchen, aber der Trend scheint vorbei zu sein. Und Deutschland produziert zwar derzeit wie am Fließband romantische Komödien, die sind aber ausschließlich im deutschsprachigen Raum erfolgreich. Prochaskas erfolgreicher verspäteter Österreich-Beitrag zum Teenie-Slasher-Genre IN 3 TAGEN BIST DU TOT (fast 10 Jahre nach ICH WEISS WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST) konnte international zumindest Achtungserfolge verbuchen. Doch spätere österreichische Versuche in die Horrorrichtung (z.B. ONE WAY TRIP, AUF BÖSEM BODEN und zuletzt auch BLUTGETSCHER) waren auch auf dem heimischen Markt mäßig erfolgreich. Wer sollte sich auch für eine Kopie mit Austrodialekt interessieren, wenn man das amerikanische Original haben kann?

Dabei hat Hollywood hat den Genrefilm natürlich nicht erfunden. Gerade der deutsche Film hat sich Anfang der 20er Jahre ums Horrorgenre sehr verdient gemacht, mit genre-definierenden Werken wie NOSFERATU (1922), DAS CABINET DES DOKTOR CALLIGARI (1920) oder DER GOLEM (1920). Aber in der Hochblüte des Studiosystems in Hollywood entstand eine immer stärkere Ausdifferenzierung der Filmgenres, die eine besser auf Zielgruppen zugeschnittene Vermarktung erlaubte ­­­­­­– Western, Gangsterfilm, Film Noir, Musical, Romantic Comedy u.sw. Und damit ein Regelwerk für diese Genres, das bis heute mehr oder weniger gültig und stark amerikanisch geprägt ist. Einordnungen wie Drama und Komödie kommen schon aus dem Theater und sind bis heute international. Aber wenn wir von „Genrefilm“ aus Europa sprechen, ist meistens Horror, Sciene-Fiction, Action, Fantasy und ähnlich Buget- und Special-Effects-intensive Genres gemeint, die von Hollywood dominiert sind. Europa jedoch hat sich vor allem mit Autorenfilmen seine Bedeutung am internationalen Filmmarkt erhalten, was auch der unterschiedlichen Ökonomie zu verdanken ist: Amerikanische Produktionen müssen ihr Geld an den Kinokassen einspielen, europäische erhalten es großteils durch Förderungen.

Horror von internationalem Format

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Michael Hanekes FUNNY GAMES im österreichischen Original von 1997

Der österreichische Beitrag, der international wohl am einflussreichsten für das Horrorgenre war, ist bezeichnenderweise einer, der sich nicht die geringste Mühe gab, sich dem Hollywoodvorbild anzubiedern und auch keinem Provinzdialekt huldigt: Michael Hanekes „Anti-Horrorfilm“ FUNNY GAMES (1997). Haneke stellte den Voyeurismus des Horrorfilms mit eiskaltem Realismus bloß: Er zeigte Täter ohne Motiv und Opfer ohne Mittel in einer gnadenlosen Abwärtsspirale. Dieser Ansatz spiegelt sich heute in zahlreichen kommerziell erfolgreichen Horrorfilmen wieder. Der wirklich zeitgemäße Horrorfilm spielt sich weit weg vom blutigen Popcorn-Glamour der Teenie-Slasher der 80er und frühen 90er Jahre und von IN 3 TAGEN BIST DU TOT ab. Das Subgenre heißt „Torture-Porn“ (MARTYRS, WOLF CREEK, HOSTEL…) und ist gnadenlos realistisch.

Als 2012 Gerlinde Seitner neue Chefin des Filmfond Wien wurde, ließ sie mit der Ansage aufhorchen, dass sie insbesondere Genrekino, „besonders Komödien und Horrorfilme“ fördern wolle. Nun haben im letzten halben Jahr zwei Romantic Comedys (DIE WERKSTÜRMER und ZWEISITZRAKETE), ein Horrorfilm (BLUTGLETSCHER) und nun ein Western im Kino gestartet. Hintergrund ist wohl ein Bedürfnis nach einem Rezept für kommerziell erfolgreichere Produktionen aus Österreich, das ein wenig provinziell anmutet. Denn die österreichische Komödie im Kabarettformat führt zwar noch immer die Hitliste der im Inland erfolgreichsten Filme nahezu exklusiv an, doch diese Filme interessieren international kaum jemanden. Und Österreich liegt mit dem Anteil heimischer Produktionen am inländischen Boxoffice trotzdem mit rund 5 % im europäischen Schlussfeld. Dafür hat sich österreichisches Autorenkino mit starker persönlicher Handschrift (allen voran Haneke, RuzowitzkySeidl, Spielmann) weltweit einen Namen gemacht. Um österreichischen Genrefilm auch international erfolgreich zu machen, bedürfte es mehr Mut, eigene Wege zu gehen, wie beim Spaghetti-Western. Und warum nicht die Qualitäten des so anerkannten österreichischen Autorenfilms mit dem Genrefilm amerikanischen Vorbilds kombinieren? DAS FINSTERE TAL ist hier immerhin ein guter Anfang.

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